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Foto: Nicole Cronauge/Bistum Essen Sozialpolitischer Aschermittwoch in Oberhausen mit (v.l.) Präses Manfred Rekowski, Aart Jan de Geus und Bischof Franz-Josef Overbeck

Sozialpolitischer Aschermittwoch

Armut in Deutschland als „Fehler im System“

Für ein größeres Engagement gegen Armut und für mehr Teilhabe aller Menschen in der Gesellschaft haben sich Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck, der rheinische Präses Manfred Rekowski und der Vorsitzende der Bertelsmann-Stiftung, Aart Jan de Geus, beim Sozialpolitischen Aschermittwoch der Kirchen in Oberhausen ausgesprochen.

Vor allem die Verteilung öffentlicher Gelder im Sozialbereich müsse sich stärker an echten sozialen Bedarfen orientieren als an Gleichheitsgrundsätzen, forderten die Gesprächsteilnehmer am Mittwochvormittag in der Oberhausener „Tafelkirche“.

Trotz Wohlstand: nicht jedem geht es gut

De Geus wies auf den Widerspruch zwischen allgemeinem Wohlstand und individueller Armut in Deutschland hin: „Wir haben das höchste Pro-Kopf-Einkommen und die längste Lebenserwartung aller Zeiten, dies in einer historisch sehr langen Friedenszeit und mit einem hohen Bildungsstand.“ Doch dass es den Deutschen insgesamt gut gehe, heiße nicht, dass es jedem Einzelnen gut gehe.

„Das ist ein Problem der Verteilung, ein Fehler im System“, so de Geus. Die Zahl der Kinder, die in Nordrhein-Westfalen unterhalb der Armutsgrenze lebten, sei in den vergangenen zehn Jahren um 70.000 auf 500.000 gestiegen. Jedes fünfte Kind in NRW sei betroffen. „Wenn jedes dieser Kinder auf einem Fahrrad sitzt, ist das eine Schlange von hier bis Paris und zurück“, veranschaulichte er die Situation vor den Zuhörerinnen und Zuhörern in der „Tafelkirche“. De Geus war in seinem beruflichen Werdegang unter anderem Sozial- und Arbeitsminister der Niederlande sowie stellvertretender Generalsekretär der „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD).

Für den Mut das Gleichheitsprinzip zu verlassen

Overbeck plädierte dafür, Sozialpolitik vor allem mit Blick auf ordnungspolitische Grundsätze zu sehen. Es dürfe nicht darum gehen, „Menschen mit der Gießkanne zu alimentieren“. Auch wenn es „immer einen Teil der Menschen geben wird, die man alimentieren muss“, dürfe dies kein Grundprinzip sein, so der Bischof des katholischen Bistums Essen.

Rekowski sprach sich ebenfalls gegen „die Verteilung sozialer Gelder mit der Gießkanne“ aus. Allerdings brauche es „Mut, Geld nicht nach dem Gleichheitsprinzip“ zu verteilen. Beispielhaft verwies der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland auf gebührenfreie Kita-Jahre, wo öffentliche Gelder nicht nach Bedarf, sondern für alle gleich verteilt würden. Viel stärker muss es seiner Ansicht nach „darum gehen, da Wirkung zu erzielen, wo es wirklich nötig ist“.

„Das Herz sprechen lassen“ und eine „Lobbyfunktion“ erfüllen

Vor dem Hintergrund konkreter Hilfsprojekte wie der Lebensmittelausgabe in der Oberhausener Tafel brachte de Geus die Zusammenarbeit von Staat und Kirchen auf die Formel „Der Staat soll das Recht sprechen lassen – und die Kirchen sollen das Herz sprechen lassen.“ Auch wenn Menschen alle Rechte hätten, brauche es subsidiäre Strukturen wie die Tafeln, weil der Staat in Einzelfällen an seine Grenzen stoße.

Overbeck und Rekowski verwiesen auf die lange Tradition der Kirchen, gerade im Ruhrgebiet soziale Einrichtungen wie Kitas, Krankenhäuser, Schulen oder Altenheime für die gesamte Gesellschaft bereitzustellen. Allerdings hätten die Kirchen immer auch „eine Lobbyfunktion“, betonte Rekowski. „Wir müssen dafür eintreten, dass Recht auch zu Recht wird“, ergänzte Overbeck.

Petra Schiffmann, Vorsitzende der Oberhausener Tafel, berichtete aus dem Alltag der „Tafelkirche“. Seit rund zehn Jahren würden dort an vier Tagen pro Woche rund 2000 Menschen mit Lebensmitteln versorgt. „Es ist sehr wichtig, dass es Leute wie uns gibt, damit Menschen, deren Geld nicht bis zum Monatsende reicht, hier ihren Hunger stillen können“, sagte Schiffmann. Rund 100 Mitarbeitende engagierten sich ausschließlich ehrenamtlich für das Projekt, das für sie auch ein Engagement für Teilhabe sei: „Durch die günstigen Lebensmittel bei uns können sich viele unserer Kunden auch mal Dinge wie einen Zoo- oder Kinobesuch leisten, der für sie sonst nicht möglich wäre.“

Sozialpolitischer Aschermittwoch seit 21 Jahren

Seit 1998 laden das Bistum Essen und die Evangelische Kirche im Rheinland in jedem Jahr zum Sozialpolitischen Aschermittwoch ein. In Anlehnung an die traditionellen Parteiveranstaltungen an diesem Tag wollen die Kirchen hier einen politischen Akzent aus christlicher Perspektive setzen. So zeigen sie, dass christlicher Glaube auch zugleich Einsatz für eine gerechte Gesellschaft bedeutet. Die Veranstaltung findet jährlich wechselnd in einer katholischen und einer evangelischen Kirche statt – erstmals gab es in diesem Jahr ein Podiumsgespräch.

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Tobias Rünker / rtm / Foto: Nicole Cronauge/Bistum Essen / 06.03.2019



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