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Kirche und Arbeitswelt

Eine bunte Reihe von kleinen Holzfiguren symbolisiert Kinder unterschiedlicher Herkunft. Foto: Varina And Jay Patel | Dreamstime.com

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Kinderarmut

Kinder- und Familienarmut in einem reichen Land wie Deutschland fordert die Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Wohlfahrtsverbände und auch die Kirchen zum entschiedenen Handeln heraus. Dennoch zeigen verschiedene Untersuchungen in den vergangenen Jahren, dass bisher keine einschneidenden Erfolge erzielt werden konnten.

Laut Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2017 leben 21 Prozent der Kinder in dauerhaften oder stets wiederkehrenden Armutsverhältnissen. Der Kinderschutzbund sieht aktuell unter Einbeziehung einer Dunkelziffer bis zu 4,4 Millionen Kinder betroffen. Sie leben in einem Haushalt mit Leistungsbezug nach dem Sozialgesetzbuch II („Hartz IV“) beziehungsweise in Familien in anderen Haushalten mit einem Haushaltsnettoeinkommen, das weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens beträgt.

Kinderarmut bei "eingeschränkter Erwerbstätigkeit der Eltern"

„Nur wenige Kinder in Deutschland leiden jedoch unter erheblichen materiellen Entbehrungen. Betrachtet man den Anteil der Haushalte mit einem beschränkten Zugang zu einem durchschnittlichen Lebensstandard und den damit verbundenen Gütern, so sind rund 5 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren in Deutschland betroffen“, heißt es dagegen im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Doch diese Beschreibung gilt nur für absolute Armut, die beispielsweise unzureichende Ernährung bedeutet.

Als Grund für Kinderarmut nennt der Bericht der Bundesregierung vor allem eine eingeschränkte Erwerbstätigkeit der Eltern. Zusammenhänge bestünden zudem zwischen der Familienform und dem Armutsrisiko. Familien mit mindestens drei Kindern oder Ein-Eltern-Familien hätten häufig ein niedriges Einkommen. Ebenso haben laut Bericht Kinder mit Migrationshintergrund ein deutlich höheres Armutsrisiko als Kinder ohne Migrationshintergrund. Gute und auskömmliche Erwerbsarbeit der Eltern trage wesentlich zur Verringerung von Kinderarmut bei, folgert der Armuts- und Reichtumsbericht.

Ausbau familienbezogener Leistungen

Die Bundesregierung verweist außerdem darauf, dass bestimmte familienbezogene staatliche Leistungen inzwischen ausgebaut wurden. Das Kindergeld wurde regelmäßig erhöht. Verbesserungen gab es unter anderem beim Wohngeld und dem Kinderzuschlag für Familien, die besonders von Armutsrisiken bedroht sind. Der Unterhaltsvorschuss wird inzwischen ohne Begrenzung der Höchstleistungsdauer grundsätzlich bis zum 18. Lebensjahr eines Kindes gewährt.

Das „Starke-Familien-Gesetz“ von 2019 enthält auch nach Ansicht der Wohlfahrtsverbände einige Verbesserungen, etwa die Anhebung und Dynamisierung des Kinderzuschlags. Doch vieles bleibe zu bürokratisch und intransparent.

Im Kern setzt die Regierung weiter darauf, das Armutsrisiko von Kindern vor allem durch „eine bessere Erwerbsintegration der Eltern“ zu mindern. Die aktive Arbeitsmarktpolitik müsse die vielfältigen Unterstützungsbedarfe von Eltern berücksichtigen und für Lösungen sorgen. Besonders wichtig sei dies, wenn in einem Familienhaushalt kein Elternteil erwerbstätig ist.

Plädoyer für eine Kindergrundsicherung

Ob dies zum gewünschten Erfolg führt, bleibt fraglich. Viele gesellschaftliche Gruppen fordern daher eine eigenständige Kindergrundsicherung. Auch die Evangelische Kirche im Rheinland hat sich den Forderungen des „Bündnisses Kindergrundsicherung“ angeschlossen. Das Existenzminimum will das Bündnis als garantiertes Kinderrecht verstanden wissen, nicht nur für diejenigen Kinder, deren Eltern Steuern zahlen können. Das Bündnis bezieht sich dabei auf verschiedene Urteile des Bundesverfassungsgerichts. Danach besteht aktuell das kindliche Existenzminimum auf der Grundlage von Gerichtsentscheidungen bei 628 Euro monatlich, 408 Euro sächliches Existenzminimum und ein Freibetrag für die Betreuung, Erziehung und Ausbildung von 220 Euro.

Darüber hinaus sind aber auch Investitionen in die Infrastruktur sowie das Bildungs- und Erziehungswesen nötig. Armut wird in Deutschland häufig vererbt. Im deutschen Schulsystem schaffen zu wenig Kinder aus sozial schwachen Familien den Aufstieg.

Ralf Thomas Müller

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