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Foto: Paul-Georg Meister / pixelio.de Durch die Arbeit in Fabriken sahen viele das klassische Berufsverständnis infrage gestellt.

Interview

„Man soll sich mit der Arbeit identifizieren können“

„Beruf und Berufung“ sind als Begriffe erstmals mit Martin Luther verbunden. Aber auch heute, wo vielfach nur vom „Job“ gesprochen wird, drücken sie eine hohe Identifikation mit der Arbeit aus, erklärt Professor Dr. Traugott Jähnichen im Interview. In der Theologie werde gegenwärtig durchaus versucht, den Berufsbegriff wieder neu fruchtbar zu machen.

Prof. Dr. Traugott Jähnichen Prof. Dr. Traugott Jähnichen

Was zeichnet den Begriff "Beruf" bei Luther aus?

Der Begriff Beruf ist von der Vorstellung der „Berufung“, wie von Paulus vor allem in 1. Korinther 7 thematisiert, abgeleitet. Luthers Entdeckung war, dass ein beispielhaftes christliches Leben nicht abseits der Welt im Kloster, wie in der traditionellen christlichen Vorstellung, sondern im Alltag der Welt geführt werden soll. Das alltägliche Leben steht im Mittelpunkt. Jeder Christenmensch hat dann in diesem Sinne seinen „Beruf“: Es ist der Platz, an dem er von Gott gestellt ist, wo er für den Nächsten tätig wird. Das Berufsverständnis ist bei Luther weit gefasst. Es hat nicht nur mit Erwerbsarbeit zu tun. Kinder hüten, Windeln wechseln, was man heute Familienarbeit nennt, gehört genauso dazu wie das Ehrenamt. All dies bezeichnet die Berufung, im Lateinischen „vocatio“, zu einem christlichen Leben. Es geht nicht um ein besonderes geistliches Leben, sondern um den vernünftigen Gottesdienst im Alltag der Welt (vergleiche Römer 12,1f).

Hat Luther damit auch in den folgenden Jahrhunderten den Begriff der Erwerbsarbeit mitgeprägt?

Ja, sicherlich. In Theologie und Kirche hat man versucht, die Grundgedanken des lutherischen Berufsverständnisses für die jeweils sich ändernden Formen der Erwerbsarbeit fruchtbar zu machen. Vielleicht am prägnantesten ist dies zunächst im evangelisch geprägten Beamtentum in Preußen verwirklicht worden mit Tugenden wie Rechtstreue, Pflichterfüllung, Verlässlichkeit, Unbestechlichkeit und so weiter. Ein dadurch geschaffenes verlässlich funktionierendes Staatswesen schuf nicht zuletzt die Rahmenbedingungen für den Merkantilismus, aber auch für moderne Formen des Wirtschaftens. Auf diese Weise ist die Erwerbsarbeit immer wichtiger geworden. Das hat sich in der Neuzeit noch einmal verstärkt. Man kann sagen, dass die Erwerbsarbeit seit dem 19. Jahrhundert einen immer größeren Stellenwert in der Lebensführung der Menschen gewonnen hat.

Wie passt das mit Arbeit als Job heute zusammen?

Was wir heute erleben, sind zwei Dinge: Einmal eine gewisse Verselbständigung der Arbeit – der Erwerbsarbeit, die in den Mittelpunkt gerückt ist und vielfach zum Selbstzweck geworden ist, mit einer quasi religiösen Aufladung der Arbeit. Auf der anderen Seite und parallel dazu, vor allem verursacht durch die hohen Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen, sprechen Menschen von ihrer Arbeit als „Job“. Das ist dann eher etwas Äußerliches und prägt nicht so sehr die eigene Identität wie ein „Beruf“. Von Beruf lässt sich vielleicht leichter sprechen als Beamter, als Handwerker oder auch bei höher qualifizierten Formen der Arbeit, als wenn man in der Massenfertigung nur Teil eines riesigen Prozesses ist, für den man immer wieder neu angelernt werden kann.

Wie kommt es, dass trotzdem im weltlichen Umfeld wieder von Beruf oder sogar Berufung die Rede ist?

Gegenwärtig können wir sicherlich von einer Gegenbewegung zur Abwertung der Arbeit als „Job“ sprechen. Wir haben in den letzten zwei- bis drei Jahrzehnten einen enormen Anstieg an Qualifikationsanforderungen in der Arbeitswelt. Mit den Qualifikationsanforderungen steigt auch die Identifikation mit der eigenen Arbeit wieder an. Und die neuen Unternehmensführungsmodelle setzen nicht so sehr auf Gehorsam und sture Einordnung in die Hierarchie, sondern auf ein höheres Maß an Selbstverantwortung und Selbstbestimmung in der Arbeit. Die Wirtschaft wünscht sich einen mitdenkenden, konstruktiv mitarbeitenden Angestellten. Da geht es um die Identifikation mit der eigenen Arbeit, dem Arbeitsplatz und vielleicht sogar dem Arbeitgeber. Auch in Managementkursen wird von Beruf und Berufung gesprochen, um diese hohe Identifikation mit der eigenen Arbeit auszudrücken.

Hat dieser Wandel auch Auswirkungen auf sozial-diakonische Arbeit?

Klassisch fühlten sich Menschen berufen zum Arzt, zum Pfarrer, zum Richter, also zu den traditionellen Professionsberufen, die jeweils eine sehr hohe Verantwortung und Orientierung am Nächsten erfordern. Dieses klassische Professionsverständnis ist im 20. Jahrhundert durchaus ausgeweitet worden. In besonderer Weise ist die Arbeit für und mit Menschen mit einer solchen Vorstellung verknüpfbar. Beruf und Berufung heißt immer: Man arbeitet nicht nur für sich selbst, sondern man engagiert sich in Verantwortung vor Gott für den Nächsten. Das kann natürlich in den sozial-diakonischen Berufen in besonders hohem Maße der Fall sein.

Wie kann heute von einer theologischen Dimension der Arbeit gesprochen werden?

Es gibt gegenwärtig durchaus Versuche, den Berufsbegriff wieder neu fruchtbar zu machen. In der Mitte des 20. Jahrhunderts gab es bei Theologen wie Karl Barth oder auch Arthur Rich eine deutliche Kritik am Berufsverständnis. Die Idee war, dass für eine Industriegesellschaft der Berufsgedanke nur noch teilweise oder gar nicht mehr passt. Das ist heute ein Stück weit überwunden, weil die Industriearbeit auch nicht mehr die dominierende Form der Erwerbsarbeit ist. Diese Veränderung schlägt sich auch in der Theologie nieder. In der EKD-Denkschrift „Solidarität und Selbstbestimmung im Wandel der Arbeitswelt“ wird betont, dass eine christliche Deutung der Erwerbsarbeit oder auch anderer Formen der Arbeit, wie Familienarbeit und Ehrenamt, als Beruf in besonderer Weise mit der protestantischen Tradition verbunden ist und heute wieder neue Perspektiven eröffnen kann. Das eigene Arbeiten soll nichts Fremdes oder Äußerliches sein, sondern man soll sich mit der Arbeit identifizieren können. Dazu bedarf es natürlich entsprechender Voraussetzungen in der Organisation der Betriebe. Besonders in der Kooperation mit anderen kann ein Sinn der eigenen Arbeit erfahrbar werden – für sich selbst und für andere, den Nächsten. Man verantwortet die eigene Arbeit vor Gott oder versteht sie sogar, eher in der calvinistischen Tradition verankert, als „zur Ehre Gottes“ getan.

Prof. Dr. theol. Traugott Jähnichen ist Dozent für Christliche Gesellschaftslehre an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum und stellvertretender Vorsitzender der Kammer für soziale Ordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

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Das Interview führte Ralf Thomas Müller / Fotos: Paul-Georg Meister/pixelio.de / ekvw / 23.10.2017



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