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Insolvenz: Scheitern ist nicht das Ende

Private oder unternehmerische Insolvenz gilt oft noch als Tabuthema. Die Sozialethik gibt Impulse, das Schweigen zu durchbrechen, gesellschaftliche Sichtweisen zu hinterfragen und Betroffene in ihrer belastenden Situation seelsorgerlich zu unterstützen. Als Christinnen und Christen treten wir ein für eine Kultur der zweiten Chance und mehr Beratungsangebote, auch im kirchlichen Raum.

Wenn ein Unternehmen Pleite geht, verbrennt nicht nur viel Geld. Viel Vertrauen geht zu Bruch. Und auch Lebensentwürfe zerbrechen, vor allem dann, wenn die Unternehmensidee den Unternehmer oder die Unternehmerin ein Berufsleben lang ausgefüllt hat. Die Konfrontation mit dem Nichts ist ein Schock. Hinzu kommen Scham- und Schuldgefühle in einem Ausmaß, dass Menschen in dieser Lage nicht selten ihrem Leben ein Ende setzen. Plötzlich fallen alle die Vorurteile, die sich in unserer Gesellschaft über Generationen hinweg über Bankrotteure gebildet haben, auf einen selbst zurück. Niemand glaubt einem, dass man keine betrügerischen Absichten hatte.  

Insolvenz bedeutet für geschäftsführend verantwortliche Eigentümer-Unternehmer das Ende der wirtschaftlichen Existenz und häufig auch den Verlust großer Teile oder der Gesamtheit ihres Privatvermögens, ihres Besitzes und ihre Altersvorsorge. Gerade bei kleinen und mittelständischen Unternehmen folgt der betrieblichen Insolvenz oft auch die Privatinsolvenz des einstigen Firmeninhabers oder der einstigen Firmeninhaberin.

Der Start einer Unternehmung trägt immer Gelingen als auch Scheitern in sich
Der Start einer Unternehmung ist ein Wagnis, das beide Optionen – die des Gelingens und die des Scheiterns - natürlicherweise in sich trägt. Sie sind die beiden Seiten des unternehmerischen Risikos. Die in Deutschland vorherrschende Wirtschaftsmoral bewertet unternehmerisches Scheitern aber traditionell als persönliches Versagen, das in der Regel pauschal mit dem Verdacht eines betrügerischen Bankrotts belegt wird.

… doch Insolvenz wird immer noch als persönliches Versagen bewertet
Menschen in Insolvenz gelten nicht nur in der Sache, sondern auch als Person gescheitert. Wer Schulden hat, ist selber schuld, verliert sein öffentliches Ansehen und stirbt so den „bürgerlichen Tod des Kaufmanns oder der Kauffrau“. Das führt nicht selten zu Selbsttötungen aus Verzweiflung über die persönlichen Folgen einer Unternehmenspleite.

Christinnen und Christen müssen die Kultur der zweiten Chance stärken
Aus christlicher Sicht ist dies nicht hinnehmbar! Die Kirche ist sozialethisch wie seelsorglich herausgefordert, zusammen mit Menschen in Insolvenz sowie im Dialog mit Politik, Wirtschaft und Justiz nach besseren Wegen zur Aufarbeitung von wirtschaftlichem Scheitern zu suchen. Sie selbst könnte innerhalb der vorhandenen Beratungs-Infrastrukturen mit einem eigenen qualifizierten Beratungsangebot für wirtschaftlich gescheiterte Unternehmerinnen und Unternehmer sehr konkret zu einer Kultur der Zweiten Chance beitragen. 

Die Kirchen müssen die unternehmerische Insolvenzproblematik mehr in den Blick nehmen
Neben dem finanziellen Desaster und rechtlichen Haftungsfragen tauchen bei gescheiterten Unternehmern existenzielle Nöte auf, die durch gesellschaftliche Normen und moralische Wertungen bedingt sind. Besonders bedrückend und bisweilen suizidfördernd wirkt sich aus, wenn die Ursachen für das wirtschaftliche Scheitern nicht unmittelbar und ausschließlich dem anzulasten sind, der nach jahrelangem geschäftlichem Erfolg plötzlich vor dem Nichts steht.

Bislang hat sich die kirchliche Bewertung unternehmerischen Handels oft als Kritik an übertriebener Gewinnorientierung, an prekären Beschäftigungsformen und an umweltschädlichen Produktionsverfahren geäußert. Man sieht die Folgen schlechter Unternehmensführung für die abhängig Beschäftigten. Dazu mit klarer sozialethischer Begründung Stellung zu beziehen, ist gewiss in Ordnung. Aber die Schicksale zehntausender kleinerer gescheiterter Unternehmerinnen und Unternehmer und deren Familien kommen nur höchst selten ebenfalls in den Blick. Dazu zählen übrigens auch die landwirtschaftlichen Familienbetriebe, die einer nach dem anderen still aber schmerzhaft insolvent werden.

Gottes liebevolle Wertschätzung trägt auch in Krisensituationen
Wirtschaftliches Scheitern steht wie alle Bereiche unseres Lebens theologisch unter den Vorzeichen von Rechtfertigung und Nächstenliebe. Wir bleiben auch als Gescheiterte Gerechtfertigte, deren Leben seine Würde aus Gottes liebevoller Wertschätzung erfährt und darum den Anspruch auf Respekt auch dann verdient, wenn Fehler einzugestehen sind, wenn ein Unternehmen missglückt und andere damit zu Schaden kommen.

Unterstützung gewähren, um den Weg zum Neuanfang zu ebnen
In Analogie zum Rechtfertigungshandeln Gottes, der der Menschheit trotz ihrer Fehleranfälligkeist im Umgang mit der Freiheit und trotz kollektiven wie individuellen moralischen Versagens Lebensmöglichkeiten und neue Chancen gewährt, sollte wirtschaftlich Gescheiterten so viel Unterstützung zuteilwerden, dass sie ihre Verantwortung wahrnehmen und zu ihrem Misslingen stehen können, ohne dass ihre Menschenwürde öffentlich beschädigt wird.

Wir brauchen eine andere Kultur des Umgangs mit wirtschaftlichem Scheitern. Gerade die Kirchen sollten aus der theologischen Mitte ihres Selbstverständnisses heraus alle Bemühungen um eine Kultur der zweiten Chance unterstützen. Sie sollten dafür gute ethische Argumente liefern und ihre Beratungsangebote für Menschen in Lebens- und Beziehungskrisen auch um die Facette der unternehmerischen Insolvenzproblematik erweitern.

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Peter Mörbel / 05.05.2017



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