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irish / pixelio.de Ob eine Beschäftigung über das 67. Lebensjahr hinaus möglich ist, hängt stark von der Art der Arbeit ab.

Arbeit im Alter

Immer länger arbeiten?

Eine Verschärfung der sozialen Polarisierung befürchtet Professor Dr. Gerhard Bäcker von der Universität Duisburg-Essen bei pauschaler Anhebung der Regelaltersgrenze im Berufsleben. Gastautor Bäcker verweist darauf, dass nicht alle Älteren die positive Entwicklung der Lebenserwartung im gleichen Maße mitmachen. Für viele Arbeitsplätze sieht er zudem eine begrenzte Tätigkeitsdauer.

Gastautor Gerhard Bäcker Gastautor Gerhard Bäcker

Von Professor Dr. Gerhard Bäcker

Angesichts der steigenden Lebenserwartung und damit der längeren Dauer des Rentenbezugs und der langfristigen Finanzierungsprobleme der Rentenversicherung gewinnt die Forderung an Gewicht, die schrittweise Anhebung der Regelaltersgrenze auch über das Jahr 2030 hinaus, wenn also die Heraufsetzung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre erreicht ist, fortzusetzen. Anders seien massive Beitragssatzsteigerungen, steigende steuerfinanzierte Bundeszuschüsse und ein weiterer Rückgang des Rentenniveaus nicht zu vermeiden.

Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt nicht durch Gesetzesbeschluss zu verändern

Unbestritten kann ein späteres Renteneintrittsalter zu einer Entlastung der Rentenfinanzen beitragen. Strittig ist aber die Vorstellung, dass parallel zur steigenden Lebenserwartung auch die Fähigkeit wächst, tatsächlich länger – bis weit über das 67. Lebensjahr hinaus – zu arbeiten. Sind ältere Arbeitnehmer in ihrer Gesamtheit hinsichtlich ihrer körperlichen und psychischen Konstitution sowie – davon abgeleitet – hinsichtlich ihrer beruflichen Leistungsfähigkeit dazu in der Lage? Schaut man genauer hin, dann beruht die Forderung nach höheren Altersgrenzen auf der Gleichsetzung von Renteneintritt und Berufsaustritt. Zugespitzt formuliert: Das Rentenalter lässt sich durch einen Gesetzesbeschluss auf einfache Art verändern, die Gesundheits- und Beschäftigungslage der Arbeitnehmer und die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt hingegen kann der Gesetzgeber nicht bestimmen oder verordnen.

Deshalb ist zu prüfen, was die Daten und Entwicklungstrends von Lebenserwartung und Mortalität wirklich aussagen. Es handelt sich um Durchschnittswerte, die nicht weiter differenzieren. Aus der Fülle von internationalen und auch deutschlandspezifischen Untersuchungen lässt sich entnehmen, dass sowohl der Gesundheitszustand als auch das Mortalitätsrisiko eng mit dem sozialen Status der Menschen zusammenhängen: Je niedriger der Status – gemessen an Merkmalen wie Einkommen, Qualifikation, Lebensbedingungen und Art der Berufstätigkeit – desto größer sind die Risiken zu erkranken und auch früh zu sterben. Gerade im fortgeschrittenen Lebensalter prägen sich diese sozialen Ungleichheiten im besonderen Maße aus, da sich die physischen und psychischen Belastungen – verbunden mit geringeren materiellen, sozialen und kulturellen Ressourcen – über den Lebens- und Erwerbsverlauf hinweg kumulieren. Die Zugewinne der ferneren Lebenserwartung fallen deswegen in den unteren Statusgruppen deutlich geringer aus als in den mittleren und vor allem in den höheren Statusgruppen.

Pauschale Aussagen führen leicht in die Irre

So kommen Auswertungen auf der Datenbasis des Sozio-Ökonomischen Panels, die die relative Position der Bevölkerung im Einkommensgefüge zum Maßstab nehmen, zu dem Ergebnis, dass die Abstände der mittleren Lebenserwartung zwischen der obersten und untersten Einkommensposition bei 10,8 Jahren (Männer) beziehungsweise 8,4 Jahren (Frauen) liegen. Bei der ferneren Lebenserwartung ab 65 betragen die Spannen 7,4 Jahre (Männer) beziehungsweise 6,3 Jahre (Frauen).  

Insofern führen pauschale Aussagen leicht in die Irre. Nicht alle Älteren haben die positive Entwicklung der Lebenserwartung im gleichen Maße mitgemacht, und werden sie auch in Zukunft nicht mitmachen. Und auch die Vorstellung, dass die sich die Arbeitsbedingungen, einhergehend mit dem wirtschaftsstrukturellen Wandel, im 'Selbstlauf' weiter verbessern würden, erweist sich als fragwürdig. Differenzierte Analysen zeigen, dass sich vielmehr Belastungsschwerpunkte verschieben und es zu Verschiebungen auch zwischen verschiedenen Beschäftigtengruppen kommt. Auffällig ist vor allem die deutliche Zunahme bei den psychischen Anforderungen und Belastungen.

Im betrieblichen Alltag werden deshalb die beruflichen Chancen all jener Älteren beeinträchtigt, die die belastungsintensive Tätigkeiten ausüben und in solchen Berufen und Tätigkeitsfeldern eingesetzt sind, bei denen die mit dem Alter eher rückläufigen Leistungsmerkmale ein besonderes Gewicht haben. Hier handelt es sich in erster Linie um Tätigkeiten, die

  • mit starken körperlichen Belastungen verbunden sind (zum Beispiel körperliche Schwerarbeit oder einseitige Belastungen),
  • einem hohen Arbeitstempo unterliegen (zum Beispiel Band- und Akkordarbeit),
  • mit ungünstigen Arbeitszeitregelungen (Wechselschicht- und Nachtarbeit) zusammen-hängen,
  • unter ungünstigen Arbeitsumgebungseinflüssen (zum Beispiel Hitze, Lärm, Nässe, Schmutz) durchgeführt werden müssen,
  • hohe psychische Anforderungen stellen.

Soziale Polarisierung im Alter

Für zahlreiche Berufe und Arbeitsplätze gibt es insofern begrenzte Tätigkeitsdauern, das heißt faktische Höchstaltersgrenzen, die eine Weiterarbeit bis ins höhere Alter hinein kaum möglich machen (so zum Beispiel im Gesundheitswesen, in Montagebereichen der Automobilindustrie, im Transport- und Verkehrswesen oder im Bauhaupt- und Baunebengewerbe). Die Berufe des Dachdeckers (Männer) und der Krankenschwester (Frauen) sind die typischen, aber keineswegs einzigen Beispiele für diese Problemlagen.

Auf der anderen Seite gibt es einen erheblichen Teil der Beschäftigten, die sehr wohl fähig und bereit beziehungsweise wegen der steigenden Altersgrenzen gezwungen sind, länger im Arbeitsleben zu bleiben und die abschlagsfreie Regelaltersrente erst später zu beziehen. Die zunehmende Erwerbsbeteiligung Älterer allgemein und auch die steigenden Zahlen und Quoten der versicherungspflichtigen Beschäftigung in den rentennahen Jahrgängen weisen darauf hin. Dies betrifft – grob gesprochen – eher die besser Qualifizierten, die unter belastungsärmeren Bedingungen beschäftigt sind und deren Einkommen im mittleren und höheren Segment liegt.

Entscheidend für die Weiterarbeit im Alter ist darüber hinaus aber auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt allgemein und der Personalpolitik der Unternehmen im Besonderen. Hingegen sind vor allem jene älteren Beschäftigten schlechter gestellt, die nach (langer) Arbeitslosigkeit im rentennahen Alter vergeblich nach einer Neuanstellung suchen und/oder aufgrund von physischen und/oder psychischen Einschränkungen nicht mehr in der Lage sind, in ihrem erlernten Beruf oder ihrer ausgeübten Erwerbstätigkeit bis zum Erreichen der abschlagsfreien Regelaltersgrenze weiterzuarbeiten. Zu reden ist von einer sozialen Polarisierung des Alters.

Bei einer weiteren, pauschalen Anhebung der Regelaltersgrenze bleibt zu befürchten, dass sich diese soziale Polarisierung fortzusetzt oder gar verschärft. Während die qualifizierten Beschäftigten mit einem in der Regel besseren Gesundheitszustand und leichteren Arbeitsbedingungen länger arbeiten können und werden, auch weil die Unternehmen angesichts des Fachkräftebedarfs daran ein wachsendes Interesse haben, sind die Beschäftigten im unteren Qualifikationsbereich sowohl hinsichtlich ihres Gesundheitszustandes als auch der belastenden Arbeitsbedingungen dazu häufig nicht in der Lage.

Professor Dr. Gerhard Bäcker ist Senior Professor am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Der 72-Jährige war unter anderem wissenschaftlicher Referent im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instistut der Hans-Böckler-Stiftung sowie Professor für Soziologie an der Universität Duisburg-Essen.

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Foto: irish / pixelio.de / 25.02.2019



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