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Ein Mann blickt zufrieden mit der geleisteten Arbeit in die Kamera. Foto: Robert Kneschke - Fotolia.com  Foto: Robert Kneschke - Fotolia.com

Grundlagen

Theologie der Arbeit

Arbeit ist alles, was müde macht. Das ist eine sehr elementare Formel zum Einstieg in das Thema dieser Webseite. Es geht um Sinn und Wert menschlicher Arbeit aus der Sicht der Bibel und der Sozialgeschichte, um das Verhältnis von Anstrengung und Ruhe, um den eigenen Broterwerb und um Arbeit als Dienst für andere.

Selbst Gott ruhte am siebten Tag aus von der Arbeit, die er in sein Schöpfungswerk gesteckt hatte (1. Mose 2,2f.). Damit liefert die Bibel nicht nur ein sehr menschenähnliches Bild von Gott als Kreativarbeiter, sondern zugleich eine vorzeitliche Begründung für die Grenze von Arbeit. Diese Begrenzung von Arbeit durch den Sabbat prägt das biblische Verständnis vom menschlichen Tun. Wenn es überhaupt eine Ähnlichkeit von göttlicher und menschlicher Arbeit gibt, wird sie erst dann erreicht sein, wenn Arbeit und Nicht-Arbeit eine heilsame Balance finden.

Arbeit macht uns Gott ähnlich (Ich höre Ingenieurinnen und Ingenieure und Handwerkerinnen und Handwerker frohlocken: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde – den Rest haben wir gemacht!). Aber nur dann, wenn wir auch die von ihm gesetzte Grenze von Arbeit einhalten und uns selber den Sabbat als gemeinsame von Alltagsarbeit befreite Zeit gönnen. (Ich höre die Vertreter des Einzelhandels und das Dienstleistungsgewerbe stöhnen: Klerikale Spaßbremsen verstehen nichts von unternehmerischer Freiheit und dem Zwang zum Wachstum!)

Arbeit ist alles, was müde macht - aber nicht alles, was müde macht, macht auch Sinn

Wozu soll es gut sein, Menschen gegen den natürlichen Rhythmus von Tag und Nacht im Hamsterrad der Leistungsgesellschaft anzutreiben, bis sie erschöpft zusammenbrechen (und die Allgemeinheit für den ökonomischen Schaden aufkommen muss!)? Unser Problem in den postindustriellen Gesellschaften ist die dramatische Zunahme von Erschöpfungsdepression und von Suizidgefährdung durch Überarbeitung. Da müssen Fragen erlaubt sein. Was geht im „Hamsterrad“ verloren? Was wird gewonnen? Vor allem: Wer verliert und wer gewinnt?

Sich auf das ökonomisch Messbare zu beschränken wird dem Verständnis von Arbeit nicht gerecht

Damit verbunden sind die grundlegenden Fragen zu den nichtökonomischen Bestandteilen, nach den sozialen Voraussetzungen und den gesellschaftlichen Folgen von Arbeit. Die dramatische Verengung des Arbeitsverständnisses auf ökonomisch kalkulierbare Messzahlen für die Produktivität von Erwerbstätigkeit löst weitaus weniger Probleme, als sie schafft. Denn „human ressources“, d.h. Wissen, Motivation und Fähigkeiten von Arbeitskräften, sind nicht unendlich ausbeutbar. Irgendwann geht der Faktor Arbeit dann doch zu Protest und alle ökonomischen Rechenmodelle sind von jetzt auf gleich Makulatur. 

Das 2. Buch Mose beschreibt einen dramatischen Ausbruch aus den Tretmühlen der Zwangsarbeit. Die Weigerung, ihren Sklaven Zeit zum Ausruhen und zum Gottesdienst zu lassen, kostet die Ausbeuter, die ägyptischen Herrscher, das, was ihnen am wertvollsten war: Heimgesucht durch eine Reihe von „biblischen Plagen“ wie die sprichwörtliche „ägyptische Finsternis“, verlieren sie am Ende mit dem Tod ihrer eigenen Kinder ihre eigene Zukunft. Man mag die orientalische Märchenhaftigkeit der Exodus-Erzählung belächeln. Aber sie lächelt zurück und bewahrt ihren Wahrheitskern über Sinn und Zweck und Würde der menschlichen Arbeit auch über Schwarze Freitage hinaus.

Theologische Sozialethik geht von einem breiten Arbeitsbegriff aus

Theologische Sozialethik kommt von einem breiten Arbeitsbegriff her, der aus dem kollektiven Gedächtnis vieler Generationen verwoben und verdichtet wurde. Darin aufbewahrt sind existenzielle Auseinandersetzungen mit den Ambivalenzen menschlicher Arbeit und mit den Paradoxien von Arbeitsbedingungen. Auch die schnellen Paradigmenwechsel der modernen Arbeitsgesellschaften bis hin zu Arbeit 4.0 lassen Fragen nach dem Wesen und dem Sinn und der Grenze der Arbeit offen.

Doch diese grundlegenden Fragen sollten bedacht sein, bevor man über betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten streitet oder über die angeblichen Zwänge des globalen Wettbewerbs. Denn Arbeit - erst recht Erwerbsarbeit - ist nicht alles. Die Behauptung am Ende „Sein Leben / Ihr Leben war nur Arbeit“ klingt held(inn)enhaft. Bleibt aber immer ein einkommensunabhängiges Armutszeugnis. Ein Leben ohne Arbeit bleibt tragisch unerfüllt. Ein Leben, das nur Arbeit gewesen sein soll, wäre ein nicht weniger grausamer Irrtum über die Absicht Gottes mit unserem Leben. Was also ist Arbeit – fragt die Sozialethik - und zu was sollte sie keinesfalls verkommen?

Eine allgemein verbindliche Theologie der Arbeit gibt es nicht

Sowenig es „die“ evangelische Sozialethik gibt, sowenig lässt sich „die“ Theologie der Arbeit beschreiben. Allerdings besteht ein unausgesprochener Konsens in vielen theologischen Grundaussagen zur Bedeutung von Arbeit, der sich herleitet aus dem christlichen Menschenbild und der ethischen Bewertung von Arbeitsbedingungen, Arbeitszielen und Arbeitsergebnissen nach biblischen Kriterien.

Freilich gilt es auch dabei vorsichtig zu sein. Denn „die“ Arbeit ist nicht nur eine undeutliche Sammelbezeichnung unterschiedlichster menschlicher Tätigkeitsformen, für die es Entlohnung gibt oder nicht, die freiwillig erfolgen kann oder aus Notwendigkeit oder schlimmstenfalls unter menschenunwürdigsten Bedingungen erzwungen wird. Auch kann „Arbeit“ einfach eine rechnerisch bestimmbare physikalische Größe sein. Und sie kann weniger exakt bestimmbar als Grund für Zufriedenheit und Wohlstand, aber auch für Erschöpfung und Entwürdigung gedeutet werden. Im Arbeitsbegriff steckt viel ethische Substanz, aber auch viel ideologische Luft.

Sozialethik nimmt vor allem Erwerbsarbeit und Unternehmertum in den Blick ...

Vielfach geht es auch in der theologisch-sozialethischen Betrachtung von Arbeit um den gängigen Spezialfall der unselbständigen Erwerbsarbeit und dabei um die Fragen nach der Zumutbarkeit von betrieblichen Arbeitsbedingungen, von gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Risiken.

Aber es geht auch um das unternehmerische Selbstverständnis des Arbeit-Gebers bzw. der Arbeit-Geberin, um die Rolle des „human factor“ in der längst digitalisierten „factory“, um die Fragen der Beteiligung der Beschäftigten an der Mitgestaltung der Arbeit, die von ihnen geleistet werden muss, um das Betriebsziel zu erreichen.

… und lädt ein zum Gespräch über Selbstverständnis und Arbeitsethos von  christlichen Unternehmerinnen und Arbeitnehmern

Die spannende Frage für Christinnen und Christen auf der Unternehmerseite wie auf der Arbeitnehmerseite ist, wie sie auf dem Hintergrund ihres gemeinsamen Glaubens ihre jeweilige Verantwortung in der betrieblichen Zusammenarbeit definieren. Auch hierfür gibt es im Protestantismus keine normative Institution oder Lehre, die eindeutige Vorgaben liefert. Beide Seiten sind aber eingeladen, miteinander darüber zu reden, was ihr Glaube für ihr Selbstverständnis und ihr Arbeitsethos bedeutet. Dafür braucht unsere Kirche Frauen und Männer, die solche Gespräche sachkundig und authentisch moderieren können. Sie sind leider selten geworden.

Von der Berufung zum Beruf –
Luthers Impulse für unser heutiges Verständnis von Arbeit und Beruf

Im Reformations-Gedenkjahr 2017 ist viel von der bahnbrechenden Bedeutung der Entdeckung des Berufs durch Luther geschrieben und gesprochen worden. Ganz richtig ist die Behauptung nicht, Luther habe den „Beruf“ erfunden. Sachgerechter wird man sagen können: Luther hat den anspruchsvollen biblischen Begriff von der Berufung durch Gott vom Mönchsleben auf alle Lebensbereiche und Arbeitsformen ausgedehnt. Und zugleich hat er die Berufung vom Zwang der Selbsterlösung durch materielle Leistungen befreit.

Das bedeutet zweifellos eine starke Aufwertung menschlicher Arbeitsleistung und Anstrengung (Wir sind im Auftrag Gottes Mitarbeitende an der Schöpfung!), aber es bedeutet zugleich ein hohes Risiko der Überbewertung von Arbeit bis hin zur Selbstüberschätzung  menschlichen Tuns. Sind wir wirklich automatisch „MitarbeiterInnen Gottes“ auf Augenhöhe?

Die biblische Theologie formuliert vorsichtiger und ziemlich voraussetzungsreich. Ist im Auftrag Gottes alles schon deshalb sinnvoll, weil es machbar ist? Hier macht sich der Hinkefuß der Vermenschlichung des Schöpfergottes bemerkbar, der nach sechs Tagen „maloche“ (Arbeit heißt im O-Ton der hebräischen Bibel tatsächlich „melacha“) sein Päuschen braucht.

Luther wird nicht müde zu betonen, was die Voraussetzung für das richtige Verständnis von Beruf und Arbeit ist: Der (im Gebet und im Hören auf Gottes Wort geschenkte und nicht erarbeitete) Glaube daran, dass sich die Mitgift der Taufe im Leben von Christen bis in alle Lebensbereiche und Arbeitsfelder segensreich auswirkt. Wer von Gott zur Arbeit berufen ist, bleibt auch im banalen Alltagsgeschäft dem Ruf zur Nächstenliebe treu. So berufene Menschen schaffen nicht in erster Linie für sich, sondern im Auftrag ihres Schöpfers für den Nächsten (auch für den Arbeitgeber!!!)  und für die Allgemeinheit ( auch für die Nichtchristen und für Arbeitsunfähige) – und zwar willig und gern und auch unter schwierigsten Bedingungen.

Scheitern und Arbeitsleid auszuhalten bedeutet für Luther, am Leiden Christi teilzuhaben. Bitte wie? Damit könnte kein Betriebsrat seine Chancen auf Wiederwahl verbessern. Stimmt. So tut sich im Blick auf das Arbeits- und Berufsverständnis der Reformation ein garstig breiter Graben von 500 Jahren auf, den man nicht einfach überspringen kann. Jedenfalls nicht ohne das Risiko eines gebrochenen Knöchels oder einer Gehirnerschütterung.

Luther weiterdenken - Was zeichnet aus Sicht der Sozialethik gute Arbeit heute aus?

Was wir für heute als Anregung aus der Reformation und als Orientierung für unsere Suche nach „Guter Arbeit“ und nach menschengerechter Beschäftigung  behalten sollten, ist

  • die Gleichwürdigkeit aller menschlichen Arbeit, die als verlässliche Zusammenarbeit am jeweiligen Ort der Arbeit zu verstehen ist (von beiden Seiten des Verhandlungstisches!).
  • die Gleichwertigkeit aller Formen menschlicher Arbeit, was insbesondere die unbezahlten aber gleichwohl unentbehrlichen Arbeitsleitungen in der Betreuung, Erziehung und Pflege aufwerten muss, bis dahin, dass die von diesen „familiennahen“ Arbeiten abgeleiteten Berufe eine neue und bessere ökonomische Bewertung verdienen.
  • den Dienstcharakter von Arbeit, der ebenfalls für beide Seiten des Verhandlungstisches gilt.
  • der Kooperationscharakter von Arbeit (den namhafte Sozialphilosophen heute interessanterweise wiederentdecken und der zu einer neuen Wertschätzung sozialer Kompetenzen vor und in fachlicher Qualifikation geführt hat).
  • die notwendige Begrenzung von Arbeitszeit durch den Schutz des arbeitsfreien Sonntags und die Bewahrung der Feiertagskultur.
  • die Ausrichtung von Arbeit auf gesellschaftliche Solidarität vor individueller Bereicherung. Solidarische Arbeit ist Ausdruck von mitleidensfähigem Glauben, der aber kein Arbeitsleid rechtfertigt und kein strukturelles Unrecht in der Arbeitsorganisation legitimiert.

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Peter Mörbel / 24.04.2017



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