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Nachhaltiges Wachstum – eine interdisziplinäre Herausforderung

Rohstoffe, Boden, Luft, Wasser – natürliche Ressourcen unserer Erde sind nicht unbegrenzt verfügbar. Nachhaltiges Wirtschaften erkennt diese ökologischen Grenzen an und setzt sich für einen schonenden  und sozial gerechten Umgang mit diesen Ressourcen ein, um die natürlichen Lebensgrundlagen für zukünftige Generationen zu bewahren.  

Vor etwa vier Jahrzehnten ging der aus dem 19. Jahrhundert stammende Begriff „Nachhaltigkeit“ aus der forstwirtschaftlichen Fachsprache in den allgemeinen wissenschaftlichen Jargon über. Das Wort hat gewissermaßen „Migrationshintergrund“ und ist inzwischen längst ins aktive Vokabular von Entscheidungsträgern in der Wirtschaft, aber auch in unseren Alltagssprachgebrauch eingewandert - von der Auswahl des Waschmittels und der Energiequellen bis zur Frage, ob ein neues Familienauto wirklich zwingend angeschafft werden muss oder ob die Mobilität der Familie künftig mit öffentlichen Verkehrsmitteln sichergestellt werden kann.

Ob man heute bereits genügend positive Beispiele aufzählen kann, ist für den Umgang mit der Forderung nach Nachhaltigkeit nicht entscheidend. Wichtig ist, dass nachhaltiges Verhalten hier und jetzt eingeübt und gefördert wird. Das wiederum setzt voraus, dass es tragfähige institutionelle Rahmenbedingungen gibt, die Einzelpersonen und Unternehmen, Kommunen und Konzerne, Institute und Universitäten bei der Suche nach „nachhaltigen Lösungen“ unterstützen.

Nachhaltigkeit erfordert interdisziplinäre und milieuübergreifende Zusammenarbeit
Nachhaltigkeit ist aber nicht nur terminus technicus. Es gilt, die Nebeneinander von Zuständigkeiten aufzubrechen und die Kommunikation über Ziele und Wege interdisziplinär und milieuübergreifend zu organisieren. Zu viele „Nachhaltigkeitserfinder/innen“ basteln in „Echokammern“ an ihren Projekten und wundern sich, warum ihre geniale Lösung am Ende nicht greift. Offenbar braucht es nicht nur Nachhaltigkeit als Ziel, sondern auch Nachhaltigkeit als Prozess, als nachhaltige Kommunikation zwischen Labor und sozialem Umfeld.

Der geradezu inflationäre Gebrauch des Begriffs und seiner sprachlichen Ableitungen könnte die Vermutung nahelegen, Politik, Wirtschaft und privater Konsum hätten in all den Jahren einen neuen Standard etabliert, der Produktion, Warentransport, individuelle und öffentliche Mobilität und Energieversorgung umfassend und effizient mit Blick auf ökologische Kriterien verändert, also„transformiert“, habe. Doch die Tatsache, dass Stadträte und Umweltbehörden inzwischen ernsthaft überlegen, ob sie ganze Fahrzeugklassen aus den Innenstädten verbannen müssen, um auch nur annähernd die Grenzwerte bei der Luftbelastung einzuhalten, spricht eine andere Sprache.

Die Gegenwart ist geprägt vom quantitativen Wachstum, seinen Folgen und seinen Paradoxien 
Nach wie vor dominiert das quantitative Wachstum mit all seinen Folgen. Dass insgesamt in diesem Zusammenhang nicht mehr verharmlosend von „Nebenwirkungen“ gesprochen wird, sondern von „Auswirkungen“, darf man als Hinweis auf ein gewandeltes Bewusstsein interpretieren. Aber die Wirklichkeit der Dinge und der Gebrauch, den wir davon machen, haben sich aufs Ganze gesehen kaum verändert. Zur neuen Normalität scheint eine Gewöhnung an Paradoxien zu gehören. Einerseits gibt es – immerhin ! – in bildungsaffinen Milieus eine Bewusstseinsveränderung und eine neue ethische Sensibilität für Technikfolgen und die Auswirkungen von Konsumgewohnheiten. Andererseits gelingt es gerade der politischen Führung in Deutschland, einem maßgeblichen Industrieland, umweltwissenschaftliche Ergebnisse nicht nur zu ignorieren, sondern mit alternativen Wahrheiten umzuschreiben. Und das, während Menschen in den Megacities dieser Welt und in weite Flächen Chinas unter Smogwolken ersticken.

Die Grenzen des Wachstums sind erreicht
Zunehmende Ressourcenknappheit, etwa beim Süßwasser, und die Folgen des Klimawandels, etwa in der Ausbreitung von Wüsten, lassen keinen Zweifel mehr zu, dass wir die Grenzen des Wachstums nicht nur erreicht, sondern in eine Richtung überschritten haben, wo Lippenbekenntnisse nicht mehr ausreichen, um die Welt zukunftsfähig zu gestalten. Damit auch künftige Generationen noch über ausreichend Wasser und genügend Boden verfügen, breiten Zugang zu Bildung und zu Energiequellen haben, muss sich „die Wirtschaft des Menschen“ ( Eilert Herms) entscheidend ändern. Denn es ist absurd, wenn Agrarpolitiker zwar zu Hause einen schonenden Umgang mit den Böden im Namen dieser Nachhaltigkeit propagieren, zugleich aber hinnehmen, wenn auf anderen Kontinenten riesige Anbauflächen mit Monokulturen für die Treibstoff- und Futtermittelproduktion gerodet werden. Es ist paradox, wenn auf Verkehrsinseln Flächen entsiegelt werden, um dort Wildblumen auszusäen, während die gleiche Kommune am Stadtrand Brachflächen für neue Gewerbeflächen zubetoniert.

Der unstillbare Hunger nach immer mehr führt zur Selbstvernichtung
Solange wir im Modus der Selbstverzehrung leben, wird sich daran nichts ändern. Antike Quellen zeigen, dass dies kein wirklich neues Phänomen ist. Dafür steht z.B. die Sage von Königssohn Eurysichthon, der meint für das Dach seines prestigeträchtigen Vergnügungstempels unbedingt den schönsten Baum in einem den Göttern geweihten Naturschutzgebiet fällen zu müssen. Der u.a. vom römischen Dichter Ovid überlieferte Mythos beschreibt die egoistischen Ursachen und selbstzerstörerischen Folgen des unstillbaren Hungers nach immer mehr. Am Ende frisst Eurysichthon seine eigenen Körperglieder. Die Selbstvernichtung ist damit der höchst mögliche Preis für den Verlust an Spiritualität, für die Reduktion des Lebens auf den Verzehr materieller Güter und für die komplette Ignoranz gegenüber transzendental begründeten Schutzregeln für die uns umgebende Natur. Am eindrucksvollsten setzt sich Hans Christoph Binswanger mit diesem menschlichen Grunddilemma in seinem auch für NichtökonomInnen höchst lesenswerten Buch „Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen“ (München 1998) auseinander.  

Wir wollen das Gute – und stehen uns selbst im Weg
Die Reformation hat einst für die Widersprüchlichkeit die Formel geprägt, der Mensch sei „Sünder und Gerechtfertigter zugleich“. Allerdings war das nicht als fatalistische Formel gedacht, sondern auch als Entlastung von dem Anspruch, sich selbst an den eigenen Haaren aus dem Sumpf von eigenem Versagen und von Widersprüchlichkeiten des eigenen Handelns heraus ziehen zu können.

Wir wollen das Gute, nein, sogar das Beste – und stehen uns bei dem Versuch, es zu realisieren, mit unseren gegensätzlichen Interessen doch selbst im Weg. Liegt das nur an unzulänglicher Politik? Oder ist auch die Wissenschaft Teil des Problems? Warum lassen sich die Widersprüche nicht auflösen? Über diese Fragen ist etwa in dem vom Bundesforschungsministerium vor einigen Jahren ausgerufenen Wissenschaftsjahr "Zukunftsprojekt Erde" ausgiebig diskutiert worden. Die Debatte drehte sich im Kern um die alten Spannungsfelder: zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und Freiheit der Wissenschaft, zwischen Planbarkeit und Kontingenzerfahrungen, d.h. der Zufälligkeit von Ergebnissen,  die entgegen allen wissenschaftlich ermittelten Wahrscheinlichkeiten eintreten.

Forschung und Technik werden der komplexen Wirklichkeit häufig nicht gerecht
Forschung und Lehre zerlegen die Welt so sehr in Einzelteile, dass die Zusammenhänge aus dem Blick geraten. Deshalb werden viele wissenschaftliche Vorschläge zur Agrar-, Energie- oder Mobilitätswende der komplexen Wirklichkeit auch dann nicht gerecht, wenn sie sich um Differenzierung bemühen.

Nachhaltigkeit braucht den Blick fürs Ganze. Vielleicht interessieren sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bisweilen zu viel für die Beschaffung von Drittmitteln und zu wenig für die Gesellschaft, in der und für die sie forschen.

Ein eindrucksvolles Beispiel: Die Einführung des Kraftstoffs E10
Ein eindrucksvolles Beispiel für die Notwendigkeit einer „politisch sensibleren“ Wissenschaft ist der 2006 politisch „von oben“ eingeführte Kraftstoff E10 für Verbrennungsmotoren. Entwickelt wurde er von Ingenieuren und Botanikern, um langfristig von fossilen Treibstoffen wegzukommen. Dass die Gewinnung von E10, also Bio-Ethanol, im industriellen Maßstab aber ökologisch hochproblematische Monokulturen mit gigantischem Flächenverbrauch nach sich ziehen würde, wenn nicht gleichzeitig verbrauchsärmere Fahrzeuge gebaut würden, wäre unschwer auch für Nichtfachleute absehbar gewesen. Doch als die Lobbyisten der Mineralöl- und Autoindustrie den „Beimischungszwang“ durchsetzten, um nur ja keine verbrauchsärmeren Autos entwickeln zu müssen, kam aus dem Wissenschaftsbereich nur weißes Rauschen.

Forschung muss die Nebenwirkungen von Innovationen mit in den Blick nehmen
Uwe Schneidewind, Leiter des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie ist ein prominenter Kritiker von solcher Technologiefixierung. Innovative Technik-Forschung bleibe wichtig, so Schneidewind. Aber der sogenannte Rebound-Effekt, d.h. die Nebenwirkungen, die die angestrebte Lösung zunichte machen - nötige die Theoretiker wie die Praktiker dazu, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und sich an interdisziplinären Diskursen zu beteiligen.

So werden seit Jahrzehnten Flugzeuge, Lastwagen, Kühlschränke und Computer mit immer geringerem Energieverbrauch entwickelt. Mit unschöner Regelmäßigkeit machen aber parallele Entwicklungen wie z.B. wachsende Mobilität und die massenweise Einführung neuer energieintensiver Geräte, die Einsparungen stets wieder zunichte. So wäre z.B. das Aufladen der Akkus von tausend Smartphones kein Problem, aber Netzgeräte für 80 Millionen der Mobilgeräte brauchen ein zusätzliches Kraftwerk.

Jetzt wirbt die Politik für Elektromobilität. Und wieder kauft keiner die teuren Autos mit dem viel zu kleinen Radius und den ökologisch hochproblematischen Akkus. Wenn wirklich anstelle der über 80 Millionen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren demnächst 80 Millionen E-Fahrzeuge auf unseren Straßen fahren, kann man nur hoffen, dass wir nicht wieder auf dem Schlauch, pardon: Kabel stehen. Erste Anzeichen für den E10-Effekt bei der E-Mobilität lassen sich bereits feststellen.

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Peter Mörbel / 05.05.2017



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