Logo Akademie

Termine

01. Februar 2018 - 03. Februar 2018

Religiöse Freiheit und Ambivalenzen der Liebe - Soziale Folgen der Reformation

mehr

14. Februar 2018, 10:30 Uhr bis 13:00 Uhr

Sozialpolitischer Aschermittwoch der Kirchen 2018

mehr

16. Februar 2018

Unternehmerbegegnung in Bochum

mehr

> Alle anzeigen

Ihre Empfehlung

Sie möchten auf eine Veranstaltung zum Thema „Kirche und Arbeitswelt“ aufmerksam machen?

Bitte hier eintragen

Themen kirche-und-arbeitswelt.de

Industrie 4.0 und der Faktor Mensch

Die Digitalisierung in Industrie, Handwerk, Verwaltung und Dienstleistung verändert die Erwerbsarbeit tiefgreifend. Neue Arbeitstechniken bilden sich heraus, neue Gestaltungsräume und neue Organisations- und Kommunikationsformen entstehen. Herausforderungen und Wandel der Arbeit durch Digitalisierung sind zentrale, sozialethisches Themen, denen diese Webseite ein besonderes Augenmerk widmet.

Bei dem Konzept der Industrie 4.0 handelt es sich bisher um eine Kampagne und ihr folgende Diskurse, die zwar auf politische und ökonomische Maßnahmen und Ergebnisse zielen, mit diesen aber nicht verwechselt werden dürfen. Es geht nicht vorrangig um technologische oder ökonomische Zwänge, sondern um das diskursive Ausloten politischer, ökonomischer und technischer Gestaltungräume. Dabei ist zu fragen, wie die Gestaltung im Zusammenspiel zivilgesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Akteure und Akteurinnen von statten gehen wird und wer dabei die Federführung beansprucht.

Die Kirchen müssen ökonomische und soziale Konsequenzen in den Blick nehmen
Noch ist nicht im Detail absehbar, wie künftige Formen der Erwerbsarbeit aussehen und wie Strukturen der Arbeitsorganisation, z.B. die Mitbestimmung, sich ändern werden. Zunächst ist es sinnvoll, sich ein möglichst konkretes Bild vom Wandel der Arbeitsbedingungen und den Auswirkungen auf die Beschäftigten zu machen. Gerade weil die Bundesregierung und die IT-Industrie sich für das Paradigma „Industrie 4.0“ stark einsetzen, ist neben den wirtschaftlichen und politischen Interessen der treibenden Akteure auf die möglichen ökonomischen und sozialen Konsequenzen aus den neuen Technologien zu achten. Insbesondere der Anspruch, der Arbeitsgestaltung werde bei Industrie 4.0 eine hohe Bedeutung zugemessen, wird dahingehend kritisch zu prüfen sein, wie gut Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Übergangsprozessen mitgenommen werden.

Digitalisierung verändert die Arbeitswelt für Arbeitnehmer und Unternehmerinnen
Dem digitalen Fortschritts-Hype schlägt nicht nur aus kapitalismus-kritischen Milieus, sondern auch aus vielen freiheitsliebenden und verantwortungsbewussten mittelständischen Unternehmen große Skepsis entgegen. Welche Chancen und Risiken birgt die Digitalisierung nicht nur für abhängig Beschäftigte, sondern auch für Selbstständige und für mittelständische Unternehmen?

Das Berufs- und Arbeitsethos wird sich wandeln
Mit neuen Berufsbildern und neuen Unternehmensformen im Bereich von digitaler Produktion und Dienstleistungen bilden sich neue „Normalitäten“, die vom bisherigen Grundverständnis erheblich abweichen - etwa im Blick auf die bisherige Unterscheidung vom „Selbstständigkeit“ und „abhängiger Beschäftigung“. Welche Wandlungen im Berufs- und Arbeitsethos nehmen wir als Kirche wahr und wie bewerten wir sie sozialethisch?

Im Kontext des Reformationsjubiläums 2017 bietet sich darüber hinaus Gelegenheit, über die Relevanz der reformatorischen Auffassung von Arbeit als „Gottesdienst im Alltag der Welt“ bzw. vom Beruf als Dienst am Nächsten und an der Gesellschaft unter den neuen Rahmenbedingungen zu diskutieren.

Exemplarische Facetten des Themas "Industrie 4.0 und der Faktor Mensch"

1. Wie steht es um den „human factor“ in der„digitalised factory“?
Welche Rolle spielt menschliche Arbeit in den Szenarien „Industrie 4.0“ bzw. „Wirtschaft 4.0“, wenn in autonom miteinander kommunizierenden Fabriken und Produkten immer weniger Menschen benötigt werden, um Planungs-, Fertigungs- und Logistik-Prozessen zu konzipieren und zu kontrollieren? Wie wird die fortschreitende Digitalisierung sich auf Produktionsprozesse und auf die Kommunikationskultur in Unternehmen auswirken?

Mensch-Maschine-Kooperationen entwickeln sich zur neuen Arbeitsform
Neben die Mensch-Maschine-Interaktion tritt zunehmend eine Mensch-Maschine-Kooperation. Produktionsanlagen werden von vornherein auf die Wechselwirkung von Mensch und Maschine hin entworfen.

Wie verhält sich diese neue Arbeitsform zur sozialethischen Debatte um die „Humanisierung der Arbeitswelt“?
Die Firmen neustamobilesolutions GmbH, ThyssenKrupp System Engineering GmbH, Hubert Schmitz GmbH  und die Universität Bremen haben sich zu einem Konsortium zusammengeschlossen und arbeiten gemeinsam in dem Projekt „InSA – Integrierte Schutz- und Sicherheitskonzepte in Cyber-Physischen Arbeitsumgebungen“.

Dieses mit Mitteln des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie geförderte Projekt entwickelt Schutz- und Sicherheitskonzepte für intelligente Vernetzungen in Produktion und Fertigung, in denen sowohl Robotersysteme als auch menschliche Arbeit eine Rolle spielen. Die bisher unabhängig voneinander bestehenden Arbeitsbereiche von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Produktion und von Robotersystemen werden mit Sensoren überwacht. Das System registriert aktuelle Tätigkeiten und beurteilt in der jeweiligen Situation anhand der digitalen Auswertung von Kontext-Informationen etwaige Gefährdungspotenziale, denen Mitarbeiter durch die Bewegungen eines Roboters ausgesetzt sein können.

Durch solche kontextsensitiven Schutzsysteme soll die Wirtschaftlichkeit von Industrierobotern in gemischten Arbeitsumgebungen verbessert werden. Doch wer überwacht und optimiert in intelligenten Produktionsumgebungen wen? Lässt sich das Verhältnis Mensch-Maschine im digitalen Zeiten noch „analog“ zur sozialethischen Debatte um die „Humanisierung der Arbeitswelt“ bestimmen?

2. Wird die Arbeitsgesellschaft eine solidarische Gesellschaft bleiben?
Digitale Vernetzung wird neben neuen Spielräumen auch neue Abhängigkeiten und Risiken schaffen, die sozialethisch zu reflektieren und zu bewerten sind, z.B. im Blick auf Crowdworking. Bei dieser Unternehmensform werden formal selbständige freie Mitarbeitende durch netzbasierte Vermittlungsplattformen u.a. für bestimmte (Software)Arbeiten verpflichtet. Das kann volle, aber auch prekäre Selbständigkeit bedeuten. Die freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Crowdworking-Plattformen erledigen Aufträge von einfachen Arbeiten bis hin zu anspruchsvollen Programmierungen.

Die neue Unternehmensform Crowdworking ist sozial und ökonomisch umstritten
Gerade solches 'microtasking' wird sowohl unter sozialen wie ökonomischen Gesichtspunkten heftig kritisiert. In dem Zusammenhang sind "evangelische Maßstäbe in ethischer Verantwortung", wie sie 2015 die Denkschrift „Solidarität und Selbstbestimmung im Wandel der Arbeitswelt “ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)gefordert hat, für eine menschenwürdige Gestaltung der Arbeitswelt zu benennen und mit Verantwortlichen wie auch mit Betroffenen zu diskutieren.

Prekäre Beschäftigung wird eine Herausforderung bleiben
Prekäre Beschäftigung und Arbeitslosigkeit werden auch in der digitalen Welt weiterhin Herausforderungen bleiben und damit auch die Frage: Wird die Arbeitsgesellschaft im digitalen Zeitalter eine solidarische Gesellschaft bleiben?

Was wird aus "digitalen Analphabeten"?
Nicht alle können beim Tempo in einer veränderten Arbeitswelt mithalten oder sich an die Anforderungen des Arbeitsmarktes anpassen. Welche menschlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten werden in der „Arbeit 4.0“ gebraucht? Was wird aus „digitalen Analphabeten“, wenn nur noch „digital natives“ bzw. „digital creatives“ Arbeit finden? Wie kann neuen Formen prekärer Selbstständigkeit begegnet werden, die unter den kaum geordneten Bedingungen eines Wettbewerbs um digitale Dienstleistungen entstehen?

Im Blick auf die Industrie 4.0 werden diese und weitere Fragen aus sozialethischer Sicht eine wichtige Rolle spielen.

 

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

 

Peter Mörbel / 05.05.2017



© 2018, Kirche und Arbeitswelt
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung