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Grundlagen

Evangelische Sozialethik - ein Überblick

Sozialethik ist ein Teilbereich der Ethik. Ethik ist das wissenschaftliche, philosophische und theologische Nachdenken darüber, was wir warum tun sollen und warum wir bestimmte Dinge besser nicht tun sollten oder grundsätzlich nicht tun dürfen. Was der einzelne Mensch tut oder lässt ist Thema der Individualethik. Die Sozialethik befasst sich mit Fragen, die das Miteinander angehen.

Die Sozialethik fragt z.B., wie die Spielregeln der Gesellschaft begründet sind, in der der Einzelne mit anderen Menschen zusammenlebt, oder wie Güter hergestellt, verteilt und mit welchen Folgen sie verbraucht werden.

Außerdem geht es in der Sozialethik um die großen Themen von Frieden und Gewalt, Gerechtigkeit und Sicherheit, Arbeitswelt und Mitbestimmung, um die Rolle von Unternehmen, um das Verhältnis von Arm und Reich, um Gesundheit und Krankheit, um die Frage wann das Leben beginnt und wann es endet.

Es geht auch um Institutionen, ohne die wir nicht leben könnten und mit deren Hilfe wir unser Zusammenleben mehr oder weniger gut organisieren. Dazu gehören das Gesundheitswesen und das Rentensystem, aber auch Arbeitsvermittlung, Stadträte, Parlamente und Sozialämter.

Leitfaden der evangelischen Sozialethik: die biblischen Texte
Evangelische Sozialethik bedenkt das soziale Miteinander unter Gesichtspunkten, die aus den religiösen Texten der Bibel abgeleitet sind. In ihren Beratungen und Entscheidungen zu (fast) allen Bereichen des (Zusammen-)Lebens verstehen sich kirchliche Gruppen und Gremien der evangelischen Kirchen als Deutungsgemeinschaft und formulieren auf dieser Grundlage Entscheidungshilfen für den Einzelnen ebenso wie für Institutionen.

Evangelische Sozialethik lässt unterschiedliche Standpunkte zu
Die Kirche weiß als Institution nicht alles besser, aber als relativ hierarchiefreie „Lerngemeinschaft“ geht sie - im Diskurs ihrer Mitglieder und im interdisziplinären Gespräch mit anderen Teilen der Gesellschaft - auf die Suche nach den besseren Argumenten. Diese gleicht sie ab mit Grundsätzen, die sie aus dem gemeinschaftlichen Nachdenken über Bibeltexte, aus der „Erzählgemeinschaft“, gewinnt.

Über die so gewonnen guten Gründe frei und gewissenhaft zu diskutieren und dabei durchaus auch verschiedene Meinungen nach innen wie nach außen gelten zu lassen, das ist typisch für evangelische Sozialethik (als theoretische Wissenschaft) und für die ethische Meinungsbildung im Protestantismus. Das klingt chaotisch. Ist es auch. Aber die Wirklichkeit, in der wir als Christen leben und die wir verantwortlich mitgestalten sollen, ist nun mal so komplex, dass wir nur im Zusammenspiel der besten verfügbaren Argumente unserer Verantwortung für das Ganze gerecht werden, vor anderen Menschen und  – vor Gott.

Der Mensch ist sowohl zur individuellen Entfaltung als auch zum Dienst an anderen berufen
Jeder Mensch ist von Gott ins Leben gerufen und von ihm bedingungslos geliebt, mit Würde und Begabungen ausgestattet und sowohl zur Freiheit (bei der Entfaltung seiner persönlichen Gaben) als auch zum Dienst (in der Zusammenarbeit mit anderen und im Einsatz für Schwächere) berufen. Zugleich ist jeder Mensch – als Heranwachsender zunächst begrenzt und als Erwachsener in vollem Umfang - verantwortlich für sein eigenes Tun und Lassen und dennoch frei in seinen Entscheidungen. Jede Frau und jeder Mann muss wissen, wie sich richtiges Handeln von falschem unterscheidet, was gut und was schlecht ist und warum man ganz oft nicht schwarz-weiß entscheiden kann, sondern um der Freiheit willen Kompromisse machen muss.

Bei Entscheidungen kann es Konflikte geben
Es gibt Situationen, in denen Entscheidungen nicht glatt aufgehen, in denen ein Dilemma bleibt oder Entscheidungen sich nachträglich als falsch herausstellen. Verantwortliches Handeln bedeutet, auch zu Unabsehbarkeiten und Widersprüchen zu stehen, Fehler zuzugeben und ggf. auch schmerzhafte Konsequenzen zu tragen. Freiheit ist nichts für Feiglinge.

Der Einzelne trägt Verantwortung für die Gemeinschaften, in denen er lebt 
Sozialethik erinnert den einzelnen Menschen auch daran: You‘ll never walk alone – du wirst nie alleine deinen Weg gehen. Denn jede und jeder Einzelne ist frei, lebt aber immer in verbindlichen Beziehungen zu einer Institution (Familie, Schule, Betrieb, Staat), die ihn schützt und seine Freiheit ggf. verteidigt. Viele sind auch Mitglied in einer Organisation (Partei, Gewerkschaft, Videoclub, Sportverein, Genossenschaft). So sind wir als Einzelne auch (mit)verantwortlich für das, was in Institutionen geschieht oder in Organisationen veranlasst wird.

… und Institutionen und Organisationen sind verantwortlich für ihre Mitglieder
Die Institution oder Organisation ist andererseits verantwortlich für ihre Mitglieder, z.B. die Familie für die Kinder, der Arbeitgeber für abhängig beschäftigte Arbeitnehmer. Zwar sind es dort immer auch Einzelne, die entscheiden, aber die Folgen des guten oder schlechten Funktionierens einer Organisation betreffen immer viele oder sogar alle Menschen in einer Gesellschaft. Wer in einer Organisation oder Institution berechtigt ist, Entscheidungen zu treffen, trägt darum besonders hohe Verantwortung und ist vor Leitungs- und Aufsichtsgremien rechenschaftspflichtig.

Die Sozialethik bietet Orientierungs- und Entscheidungshilfen
Die Sozialethik analysiert solche Zusammenhänge, bewertet die Befunde, stellt kritische Fragen und liefert Orientierungs- und Entscheidungshilfen.

Sozialethische Beobachtungspunkte sind dabei z.B.:

Was ist sachgerecht (z.B. für die Herstellung eines PKW) und was dient dem Zusammenleben (Verkehrssicherheit)?

Was nützt der Allgemeinheit und wie werden die Interessen des Einzelnen berücksichtigt? (Der Sonntag ist arbeitsfrei. Händler wollen auch an Sonntagen Geld verdienen.)

Mit den ethischen Argumenten, die die Sozialethik liefert, können Entscheiderinnen und Entscheider überlegen, was das (relativ) Beste für die Sache und für die davon betroffenen Menschen ist.

Worin unterscheidet sich „sozialethisch“ von „sozialpolitisch“?
In Diskussionen innerhalb der rheinischen Kirche wird der Begriff „sozialethisch“  manchmal auch im Sinne von „sozialpolitisch“ verwendet. Der Grund liegt darin, dass Kirchen als Organisation aus ihrem Selbstverständnis heraus keine politische Funktion wahrnehmen. Sie respektieren die grundgesetzliche Trennung von Kirche und Staat und mischen sich nicht wie eine politische Partei ein.

Darum formulieren evangelische Kirchenvertreterinnen und Kirchenvertreter ihre gesellschaftspolitischen Stellungnahmen meistens so, dass sie sagen „aus sozialethischer Sicht ist das so und so“. …Das ist zwar maximal ungenau, aber praktisch.

Oder man spricht von „ethischen Folgen“, meint aber die moralischen oder unmoralischen Konsequenzen einer Entscheidung. Aber weil „Moral“ heutzutage total out ist, muss eben „die Ethik“ das Etikett liefern. Übrigens ist dieser Bewertungsmechanismus (was „in“ ist oder „out“) ein hübsches Beispiel dafür, wie „Moral funktioniert“. Sie fällt nämlich nicht vom Himmel, sondern wächst aus öffentlich hergestellten Konsensen, die sich mit der Zeit allmählich oder sprunghaft verändern.

Faustregel für das Zusammenspiel von Ethik und Moral: Ethik denkt (und zwar möglichst genau und macht sonst gar nichts) - Moral macht (und merkt beim Machen – da hätte man/frau vorher besser mal über die Folgen nachgedacht).

 

Einzelheiten zum Bildnachweis:

Urheber/Fotografen Fotos obere Reihe (v.l.n.r.): Alexander Raths, zigrit, endostock.
Urheber/Fotografen Fotos untere Reihe (v.l.n.r.): Juice Images, Udo Kroener, Fotolia VI.
Alle Fotos: fotolia.com

 

 

 

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Peter Mörbel / 08.05.2017



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