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epd-Dokumentation 4/2012

"Whistleblowing" oder: Der Aufstand der Anständigen

Beiträge einer Tagung zu Hinweisgebersystemen zwischen Verrat und Zivilcourage

"Whistleblowing" oder: Der Aufstand der Anständigen. epd-Dokumentation 04/12 "Whistleblowing" oder: Der Aufstand der Anständigen. epd-Dokumentation 04/12

Im Fokus der in dieser Ausgabe dokumentierten Tagung der Evangelischen Akademie im Rheinland (23./24. September 2011) standen Fragen wie: Ist das sogenannte "Whistleblowing" ein Ausdruck von Zivilcourage oder bleibt "Verpfeifen" von Kollegen und Vorgesetzten fragwürdiges Verhalten? Führt die Einführung von Hinweisgebersystemen in Betrieben zu mehr Ehrlichkeit in den Arbeitsbeziehungen oder zu einer Kultur des Misstrauens? Was sagt das christliche Arbeitsethos zu ethischen Grenzfällen im Loyalitätskonflikt?

Die von Studienleiter Peter Mörbel angestoßene Tagung bot Information und Gesprächsanreize zu einem komplexen Konfliktfeld, das noch längst nicht ausdiskutiert ist. In seinem Vorwort zur epd-Dokumentation "Whistleblowing" geht er auf die aktuelle Problemlage ein:

Aus dem Vorwort von Studienleiter Peter Mörbel
"Wenige Tage vor Tagungsbeginn ging uns eine Mail zu, in der eine Englischlehrerin sich beschwerte über die Verwendung des Begriffs Whistleblowing im Titel unserer Veranstaltung. Wiewohl wir das Wort in Anführungszeichen gesetzt hatten, um hervorzuheben, dass wir den Begriff gerade nicht als Normalvokabel, sondern als Fachbegriff benutzten, traf uns der geballte Zorn der Kritikerin: Sprachpantscherei! Unter Philologen ein an Schärfe kaum noch zu überbietendes Urteil. Vermutlich hätte uns diese Kritikerin auch den Begriff „Hinweis­gebersystem“ nicht durchgehen lassen. Schöndeutsch wäre auch dies nicht. Nun ging es in der Tagung um die richtige Würdigung von Warnsignalen, und darum musste auch jenes philologische – pardon ! - „Whistle­blowing“ unbedingt ernst genommen werden.   

Suche nach der angemessenen Verdeutschung von "Whistleblowing" ist Symptom für eine Lücke in unserem Wertekanon
Tatsächlich entpuppen sich die Wortfindungs­schwierigkeiten für den zentralen Begriff im Tagungstitel als Symptom für eine Lücke in unserem Wertekanon. Die Vorträge und Diskussionen der Tagung zeigten immer wieder, dass hinter der schwierigen Suche nach der angemessenen Verdeutschung von  „Whistleblowing“ nicht einfach ein Überset­zungs­­problem steckt, sondern dass es um ein anderes Verständnis von Mitverantwortung für das Ganze geht.  

In der Auseinandersetzung mit Herkunft und Bedeutung des angelsächsischen Begriffs begegnen wir einer anderen Wertewelt, einer anderen Wirtschafts- und Unternehmenskultur, einer anderen moralischen Codierung von Anstand und Bürgerpflicht. Was bei uns völlig abwegig – aber durchaus interessegeleitet - als „Verpfeifen“ gedeutet wird, gilt andernorts als Ausdruck von Zivilcourage und damit als hoch anständiges Verhalten.  

Whistleblowing - Es geht um die Korrektur eines gravierenden ethischen Missverständnisses
Die Tagungsdiskussion zeigte auch, dass es bei weitem nicht genügt, nach den richtigen Vokabeln für die Beschreibung vielschichtiger Konfliktlagen in Unternehmen, Organisationen und Behörden zu suchen. Es geht auch nicht nur um formal korrektes Beschwerde- und Konfliktmanagement, sondern um die Korrektur eines gravierenden ethischen Missverständnisses, dessen Wurzel bis in die finsteren Zeiten blinden Gehorsams und dumpfer Nibelungentreue zurückreichen.

Unser demokratisches und rechtsstaatliches System braucht zivilcouragiertes Handeln
Unser demokratisches und rechtsstaatliches System braucht zivilcouragiertes Handeln als Lebenselixier.    Niemand würde das flackernde Blaulicht und das aufdringliche Sirenengeheul von Rettungsfahrzeugen als Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung bezeichnen, sondern als Signale für eine Rettungsaktion. Warum aber behandeln wir in unserer Gesellschaft bisweilen Menschen, die Warnsignale setzen und damit auf Bedrohung von Sicherheit und Gesundheit, oder auf den Bruch von Recht und Gesetz hinweisen, so als hätten sie sich schlecht benommen?  

Auseinandersetzung mit "Whistleblowing" berührt Tabus
Wer sich mit „Whistleblowing“ auseinander­setzt, berührt Tabus. Wer Whistleblowing wagt, begeht Tabubrüche. Denn Hinweisgeber decken nicht nur Misstände auf, sondern auch informelle Machtstrukturen. Weil sie mit dem angezeigten Problem auch diejenigen an den Pranger stellen, die von bislang verdeckten Machenschaften profitiert haben, gehen sie hohe persönliche Risiken ein. Unser Rechtssystem erweist sich dabei als moralisch einäugig und benachteiligt Hinweisgeber systematisch. So bleiben auch jenseits von ideologischen Verwerfungen ethische und juristische Herausforderungen.  

Was ist notwendig, damit wir lernen, zivilcouragiertes Handeln auch dann zu würdigen, wenn es uns unbequem und lästig ist?
Wann sind welche Mittel und Wege bei der Anzeige von Problemen und Missständen angemessen? Wie lassen sich Konflikte auflösen, die zur Konkurrenz zwischen Kollegialität und Ehrlichkeit, Solidarität und Wahrheitstreue führen? Welche Gesetze und Regeln sind erforderlich, um das Risiko des einzelnen Hinweisgebers zu mindern und ihn vor Repressionen zu schützen? Was ist notwendig, damit wir lernen, zivilcouragiertes Handeln auch dann zu würdigen, wenn es uns unbequem und lästig ist?  

Lösungen müssen jenseits individueller Bemühungen gefunden werden
Solche Konflikte sind keine mehr oder weniger problematischen Einzelfälle. Sie stellen ein gesellschaftliches Problem dar, dessen Lösung auf einer anderen Ebene gefunden werden muss – jenseits individueller Bemühungen um Ehrlichkeit und der persönlichen Übernahme von Verantwortung.   

Dieser Erkenntnis müssen weitere folgen, damit beim Begriff „Whistleblowing“ niemand mehr das Opfer „falscher Freunde“ wird, die von „Verpfeifen“ sprechen, wo es tatsächlich um die Abwendung von Gefahren geht, die alle bedrohen."  (Peter Mörbel, 2012)

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Bibliographische Informationen
Whistleblowing oder: Der Aufstand der Anständigen.
Hinweisgebersysteme zwischen Verratund Zivilcourage
Beiträge einer Tagung der Evangelischen Akademie im Rheinland,
Bonn-Bad Godesberg, 23. - 24.9.2011
epd-Dokumentation 4/12
32 Seiten, geheftet, 4,10 €

Die Dokumentation kann direkt bei epd-Dokumentation bestellt werden.

 

Peter Mörbel/ hbl / „Kirche-Wirtschaft-Soziales“ - Evangelische Akademie im Rheinland / 11.05.2017



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