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Landespfarrer Peter Mörbel

Plädoyer für eine neue Kultur im Umgang mit wirtschaftlichem Scheitern

 "Wenn Angst die Seele frisst..." hieß eine Akademietagung im September 2013, die sich mit beruflichem Scheitern auseinandersetzte und vom Evangelischen Pressedienst dokumentiert wurde. Das Vorwort zur Dokumentation ist hier nachzulesen.

"Wenn Angst die Seele frisst..." epd-Dokumentation 8/2014 "Wenn Angst die Seele frisst..." epd-Dokumentation 8/2014

Evangelische Akademien gehen Tabuthemen an, das hat eine lange Tradition.  Dass damit immer auch Risiken verbunden sind, lehrt die Erfahrung  der Rheinischen Akademie, eine neue Kultur des Umgangs mit wirtschaftlichem Scheitern zum Gegenstand einer publikumsoffenen Tagung zu machen.  

Die Tagung - ein Beitrag, einer neuen und besseren Kultur des Scheiterns den Weg zu ebnen
Von Anfang an war es das Ziel, nicht nur mit Insolvenzexperten, Seelsorgerinnen und Seelsorgern und Unternehmensberatern zu diskutieren, sondern vor allem Menschen in Insolvenz bzw. mit einer eigenen biographischen Erfahrung des Scheiterns ins Gespräch einzubeziehen. Es hat drei Anläufe gebraucht, bis soviel Vertrauen unter beruflich und wirtschaftlich Gescheiterten gewachsen war, dass eine größere Zahl es wagte, ein solches Tagungsangebot wahrzunehmen. Es gehört viel Mut dazu, in der Öffentlichkeit einer Akademietagung nicht nur über das Scheitern an sich und die Misserfolge der Anderen, sondern auch von eigenen Erfahrungen zu sprechen. Die Beharrlichkeit, die die Akademie und ihre Projektpartner aus der eigenen Landeskirche, aus dem Netzwerk der „Anonymen Insolvenzler“ und aus den katholischen Bistümern Trier und Essen aufgeboten haben, hat sich letztendlich gelohnt. Die Textauswahl dieser Dokumentation kann die Diskussionsdynamik und die Dichte der Gespräche naturgemäß nur zu einem geringen Teil wiederspiegeln, sie kann aber, das wir hoffen wir, dazu beitragen, einer neuen Kultur des Scheiterns in unserer Gesellschaft den Weg zu ebnen. Wir danken unseren Referenten für die Überarbeitung ihrer Beiträge und wir danken ihnen, den anderen Mitwirkenden und allen Teilnehmenden für die gewährte Offenheit im Austausch über existenzielle und vielfach noch immer schmerzhafte Berufs- und Lebens-Erfahrungen.    

Warum können wir nicht entspannt mit dem Scheitern umgehen?
Warum können wir nicht so entspannt mit dem Scheitern umgehen, wie liebevolle Eltern und gute Pädagoginnen und Pädagogen es tun? Denn sie bestrafen nicht, sondern ermutigen die Kinder, einen neuen Versuch zu wagen, wenn ihnen beim Spielen oder beim Lernen etwas nicht sofort gelingt. Oder warum gewährt man bei uns Unternehmerinnen und Unternehmern so wenig neue Chancen nach einer Insolvenz? Andere Wirtschaftskulturen stellen nicht das Scheitern in den Vordergrund. Sie erkennen ebenso den Mut zum Risiko an, den der Betroffene zunächst einmal bewiesen hat, indem er ein Unternehmen gründete.  

Warum wird Scheitern nicht ganz selbstverständlich als Teile eines Lernprozesses verstanden?
Warum wird das Scheitern in unserer Gesellschaft nicht ganz selbstverständlich als Teil eines Lernprozesses verstanden oder als Folge von mangelhafter Qualität im Management von Institutionen, sondern ganz überwiegend als Versagen einer einzelnen Person? Wie kommt es, dass sich trotz eines modernen Insolvenzrechts in den Köpfen vieler Zeitgenossinnen und -genossen immer noch ganz überwiegend Gedankengut aus Kaisers Zeiten findet? Denn noch immer ist der Konkurs ein moralischer Makel. Die Pleite bedeutet auch heute noch den bürgerlichen Tod des Kaufmanns – und, wenn Angst die Seele frisst, oft auch den physischen. Auch wer durch unwägbare Risiken wirtschaftlich scheitert, dem werden grundsätzlich erst einmal kriminelle Absichten unterstellt.    

Scheitern ist ein Alltagsphänomen, aber häufig mit schwerwiegenden Folgen
Der Tagungstitel „Wenn Angst die Seele frisst“ übertreibt darum nicht. Die Dramatik ist vorgegeben. Denn Scheitern ist ein Alltagsphänomen, aber ganz und gar kein triviales. Zumindest nicht für den, der sich in seinem Scheitern erfährt wie jemand, der zuletzt sich selbst verliert im Verlust alles dessen, was ihm bisher im Leben wert und teuer war: Arbeit, Beruf, Einkommen, Erfolg, Reputation, Respekt, Zuneigung und Zuwendung anderer Menschen. Viele sehen nach dem Ende keinen Anfang mehr und bringen sich um.  

Die individuelle Erfahrung von Scheitern ist eingebettet in einen kulturellen Kontext
Die individuellen Erfahrungen von Scheitern sind eingebettet in einen kulturellen Kontext, in dem uns mit mehr oder weniger freundlicher Unterstützung durch Schule, Universität und Berufsausbildung einflößt wird, mit welchen Wertigkeiten, Denkmustern und Gefühlen wir unser eigenes Scheitern zu besetzen haben und wie wir das Scheitern anderer zu beurteilen haben. Wir lernen dabei Richtiges und Falsches und neben Hilfreichem auch ein ganze Menge Irrtümer, die uns gerade dann, wenn uns selber etwas daneben geht, schmerzhaft auf die Füße fallen. Mit unserer Tagung wollten wir dazu beitragen, Hirne und Herzen der Teilnehmenden etwas aufzuräumen und einen Schritt hin zu einer neuen Kultur des Umgangs mit Scheitern zu wagen.  

Die Tagungsergebnisse bot ethische Einsichten und lebenspraktische Hilfestellungen
Die Tagung wurde zu einem Erfolg durch die Bereitschaft aller – Vortragenden wie Teilnehmenden – auch von eigenen Misserfolgen und der z.T. noch längst nicht abgeschlossenen Suche nach neuen Anfängen zu sprechen. Es entstand ein „geschützter Raum“, in dem es möglich war, nicht nur neue ethische Einsichten zu gewinnen, sondern auch sehr lebenspraktische Hilfestellung für die jeweiligen Lebens- und Arbeitskontexte.  

Professor Dr. Stefan Zahlmann:
"Kein Scheitern ohne Glück - Zur Kultur biographischer Legitimation"

Das Wagnis, einen sozialethischen Komplex nicht mit einem sozialwissenschaftlichen oder einem psychologischen Beitrag zu eröffnen, sondern dazu einen Kulturhistoriker einzuladen, erwies sich als Glücksfall. Denn Professor Stefan Zahlmann hatte sich in einer eigenen beruflichen Krise eher notgedrungen als aus freier Neigung mit dem Thema „Misserfolg“ auseinandergesetzt. Ergebnis war ein gemeinsam mit einer akademischen Kollegin aus der Genderforschung herausgegebenes Buch zum Zusammenhang von Biographie und Scheitern. So kam sein Beitrag bei der Zuhörerschaft nicht nur sachlich spannend, sondern auch authentisch an.  

PD Dr. Joachim von Soosten: Der Anfang nach dem Ende. Scheitern, Insolvenz und Schulden
Ein interdisziplinärer Impuls zwischen Theologie und Ökonomie

Ein zweiter Themenstrang folgte der Frage, warum die vielgerühmte „Kultur der Barmherzigkeit“ beim wirtschaftlichen Scheitern so wenig zum Zuge kommt.  Der systematisch-theologische Grundsatzbeitrags von Joachim von Soosten verband zentrale Elemente der protestantischen Rechtfertigungslehre, der befreienden Einsicht in unsere geistliche Insolvenz gegenüber Gott, mit sozialethischen Aspekten von Schuld und Entschuldung. Was bedeuten Schuld und Schulden und deren im Vaterunser erbetene Vergebung für den Umgang mit „unseren Schuldigern“ und unseren eigenen Unzulänglichkeiten? Wenn Gnade den Anfang nach dem Ende ermöglicht, wie übersetzt man das in wirtschaftsethische Leitbilder und Handlungsoptionen? In seinem Vortrag bietet von Soosten eine Reihe von Anknüpfungspunkten für ein interdisziplinäres Gespräch zu einer neuen Kultur des Scheiterns innerhalb der theologischen Wissenschaftssparten aber auch zwischen Theologie und Ökonomie.  

Dr. Matthias Jung: Scheitern. Mitleiden. Klagen
Zu seelsorgerlicher Begleitung von Menschen 

Seelsorgerliche Aspekte stellte der evangelische Pfarrer und Erziehungswissenschaftler Dr. Matthias Jung in den Mittelpunkt. Jung, der sich auch im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt engagiert, hat die Tagung als Kooperationspartner mit vorbereitet und in dieser Vorbereitungsphase einen Beitrag dazu in seinem Blog veröffentlicht, der hier abgedruckt ist. Darin geht er auf die Möglichkeiten seelsorgerlicher Begleitung von Menschen in Situationen beruflichen oder privaten Scheiterns ein, die er unter dem Dreiklang „Scheitern.Mitleiden.Klagen". zusammenfasst.  

Das Resümee:
Es ist notwendig, sich für eine neue und andere Bewertung von Scheitern einzusetzen

Die Tagung hat uns gezeigt, wie notwendig es ist, sich interdisziplinär und gemeinsam mit Betroffenen um eine neue Bewertung von Scheitern in beruflichen und privaten Lebenskontexten zu bemühen. Die Evangelische Akademie und der landeskirchliche Arbeitsbereich Sozialethik werden die Arbeit am Thema zusammen mit Selbsthilfegruppen von Insolvenzbetroffenen, mit dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt, der Diakonie, dem Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer  und ökumenischen Kooperationspartnern u.a. durch offene Tagungsangebote und Fachgespräche weiter entwickeln.

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Vorwort von Landespfarrer Peter Mörbel
zur Dokumentation:
"Wenn Angst die Seele frisst ..."
Das Risko beruflichen Scheitern als Herausforderung für Einzelne und die Unternehmenskultur
Tagung an der Evangelischen Akademie im Rheinland, Bonn, 27. -28.9.2013
epd-Dokumentation 8/2014
4,10 Euro zzgl. Porto
zu bestellen über epd-Dokumentation

 

Peter Mörbel/ hbl / „Kirche-Wirtschaft-Soziales“ - Evangelische Akademie im Rheinland / 11.05.2017



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